»›Nie wieder!‹ fällt nicht vom Himmel«
Main-Echo Pressespiegel

»›Nie wieder!‹ fällt nicht vom Himmel«

Pogromgedenken: 170 Menschen bei Rundgang in Schöllkrippen
Schöllkrippen  Er­in­nern, ge­den­ken, mah­nen: Bei der eins­ti­gen Sc­höllkrip­pe­ner Sy­na­go­ge ha­ben sich am Don­ners­ta­g­a­bend rund 170 Men­schen zur Er­in­ne­rung an ei­ne grau­si­ge Nacht vor 85 Jah­ren ge­trof­fen und sich zu ei­nem Ge­den­krund­gang auf­ge­macht. Beim NS-No­vem­ber­po­grom in der Nacht vom 9. auf den 10. No­vem­ber 1938 war die Sy­na­go­ge auf­ge­bro­chen, das ge­sam­te Mo­bi­liar und die Ri­tua­li­en zer­stört und das Ge­bäu­de da­nach in die Luft ge­sp­rengt wor­den.

»Erinnern heißt, nicht zu vergessen«, unterstrich Bürgermeister Marc Babo (CSU) und dankte dem Arbeitskreis Jüdisches Leben, der zum Rundgang aufgerufen hatte. Einen Blick in die Zeit der früheren jüdischen Mitbewohner Schöllkrippens warf Michaela Gagola, Vorsitzende des Heimat- und Geschichtsverein Oberer Kahlgrund, bevor sich der Zug durch die von der örtlichen Freiwilligen Feuerwehr gesicherten Straßen in Bewegung setzte. Vorbei am 1988 errichteten Synagogen-Gedenkstein und dem Gedenkkoffer, der 2018 im Rahmen des Würzburger Projekts Denkort Aumühle installiert worden war, ging es zu den Stolpersteinen in die Lindenstraße.

An den kleinen Messing-Gedenktafeln im Boden, die an das Schicksal der Menschen erinnern, die in der NS-Zeit verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden, legten Schüler und Schülerinnen der Mittelschule weiße Rosen nieder. Die jungen Leute sprachen dabei auch über ihre eigenen Gedanken zu Frieden und Freiheit. »Mensch ist Mensch!«, betonte etwa ein Schüler, auf die Gleichheit aller Menschen, unabhängig von Aussehen, Hautfarbe, Herkunft und Religion hinweisend.

Danach zog die Menschenmenge in die Markus-Kirche, wo - eingebettet in jüdische Musik - Gebete auf Hebräisch und Deutsch und Ansprachen folgten. »In unser Friedensgebet hinein nehmen wir den Blick auf Deutschland heute, auf Israel und die Menschen in den Palästinensergebieten«, sagte der evangelische Pfarrer Thomas Schäfer. Dem Ausruf »Nie wieder!«, der im Kern auf die nationalsozialistischen Verbrechen bezogen ist, widmete sich Petra Kirchhoff. »Nie wieder fällt nicht vom Himmel!« Vielmehr fange Frieden im eigenen Herzen an, und man müsse aktiv etwas dafür tun, mahnte die katholische Gemeindereferentin.

Bülent Keles, der Islamunterricht an der Schöllkrippener Mittelschule gibt, verurteilte »diejenigen, die im Namen der Religion, der auch ich angehöre, Gewalttaten begehen«. Keles meinte weiter: »Alle Kriege und Streitigkeiten, sowohl in der Geschichte als auch heute, sind dadurch entstanden, dass sich die Parteien im Recht sahen. Jeder hat auf seine Weise Recht, weil er das Geschehen aus seinem eigenen Standpunkt aus betrachtet und seine eigenen Interessen in den Vordergrund stellt. Die Tugend besteht jedoch darin, zu vergeben, auch wenn man im Recht ist, und zum Frieden beizutragen«.

10.11.2023
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